Tachigiri no Seigan

 

Jeder Kendôka stößt nach kurzer Zeit auf Yamaoka Tesshu und seine Trainingsmethoden, die was extremes körperliches Training angeht den vermeintlichen Superlativ darstellen. Das entsprechende Buch von Mr. Stevens hat auch der eine oder andere gelesen, praktische Erfahrungen scheint aber niemand zu haben, der auch darüber sprechen möchte.


Wie aus unseren Vereins- und Dôjônamen ersichtlich, sind wir davon überzeugt, dass die umittelbare Erfahrung im Budô unverzichtbar ist.

Zu diesem Thema steht uns kein erfahrener Lehrer persönlich zur Verfügung. Ist dies der Fall, ist das eigene Erproben, egal wie begrenzt, hochwertiger als jedes Buchwissen oder gelehrte Annahme.

Wir sind somit folgendermaßen vorgegangen:

Sammlung gesicherter schriftlicher Kommentare, wenn möglich von Yamaoka Tesshu selbst verfasst und im Original Festlegung der nicht eindeutig benannten relevanten Daten anhand der bestätigten Intention Praktische Durchführung

Die von uns gesichteten Unterlagen beschreiben das "Gelöbnis standhaft zu bleiben" Tachigiri no Seigan. Dabei handelt es sich um eine Übung die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von dem auch zazenerfahrenen Yamaoka Tesshu analog des im Zen praktizierten " Sesshin" entwickelt wurde. Beim Sesshin versucht man die Grenze zur Erleuchtung mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zu durchbrechen, indem man über einen Zeitraum von mehreren Tagen ausschließlich Zazen (sitzendes Zen) übt. Wir unterstellen ein identisches Ziel.

Bevor einer seiner Schüler sich dem Tachigiri no Seigan stellen durfte, sah Yamaoka Tesshu eine Abfolge von 1000 aufeinanderfolgenden Trainingstagen vor. Diese Voraussetzung erfüllt zu haben konnten wir für uns nicht in Anspruch nehmen. Da wir dahinter jedoch keine Fitnessanforderung sondern vielmehr einen Indikator für Disziplin auf einer langen Zeitschiene vermuten, unterstellen wir, dass unser jahrelanges regelmäßiges Training der Intention gerecht wird.

Die erste Stufe des Tachigiri no Seigan sieht nun 200 Kämpfe innerhalb eines Tages vor.

Anhand dieser Vorgabe haben wir uns zu 3 Minuten Kampfzeit entschlossen. Das ergibt 10 Stunden. Hinzu kommen etwa 30 Sekunden für das Reiho zwischen den Kämpfen und 5 minütige Pausen jede Stunde (20 Kämpfe) für Getränke und Snacks.

In der Praxis geht aber irgendwo immer noch Zeit verloren, so dass wir am 22.05.2008 tatsächlich von etwa 08.00 Uhr bis nach 22.00 Uhr gebraucht haben.

Da es sich beim Tachigiri no Seigan um ein Gelöbnis handelt, hielten wir es für eine gute Idee, uns ebenfalls vorab das Versprechen abzunehmen diese Übung durchzuhalten. Rückblickend eine sehr gute Idee, da der Drang aufzugeben zeitweise wirklich übermächtig wurde.

Die Bilder und Filme können dies nur schwach wiedergeben. Der Zusammenbruch der Technik ist leicht erkennbar. Die Erschöpfung ebenfalls. Den Schmerz, den ein paar tausend korrekte Treffer (und ein paar hundert die überall sonst treffen) ergeben, kann jeder Kendoka anhand eigener Erfahrungen "hochrechnen". Wirklich neu war die Wut die sich in dieser ausweglosen und extrem unangenehmen Situation gegen die anderen Kendôka aufgebaut hat. Der Gedanke die Anderen kampfunfähig zu schlagen, um der Übung zu entkommen, ist uns zwangsläufig gekommen. Natürlich hat dem keiner von uns nachgegeben, aber es war schon ein besonderer Einblick. Ob Erleuchtung eingetreten ist können wir nicht sagen.
Diese besondere Wut ist danach aber nicht mehr aufgetreten. Man hat aber einen Blick bei anderen dafür bekommen. Setzt mal bei eurem nächsten freundlichen Ji-Geiko mit einem völlig unbekannten Kendôka als erstes einen Tsuki und dann noch einen Tsuki, zwischendurch zur Abwechslung vielleicht auchmal Katatezukii und keine andere Technik. Wahrscheinlich werdet ihr diese Wut in seinem Blick aufblitzen sehen.

Ein Fazit:

In Eiji Yoshikawas Roman Musashi beschließt der Titelheld auf dem Schwertweg ein besserer Mensch zu werden als der Zenmönch Takuan Soho.

Wenn das Kämpfen das Schlechteste im Menschen hervorbringt, kann Musashi so immerhin potentiell einen Teil seines Selbst überwinden, den ein friedlicher Mensch wie Takuan Soho an sich nicht einmal bemerkt.

Ausklang:

Ein halbes Jahr später haben wir auf dem Grab von Yamaoka Teshhu auf dem Gelände des Zenshoan Tempels in Tôkyô symbolisch 1 Yen pro Kampf "geopfert"

 

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